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Die Geburt des Propheten ﷺ - Eine astronomische und historische Untersuchung

Die Geburt des Propheten Muhammad ﷺ zählt zu den bedeutendsten Ereignissen der menschlichen Geschichte. Dennoch besteht unter den Gelehrten seit den frühesten Jahrhunderten des Islam eine Meinungsverschiedenheit (Ikhtilāf) über das genaue Geburtsdatum. Wie sich diese Frage mit den Mitteln der Quellenkritik und der modernen Astronomie eingrenzen lässt, zeigt der folgende Überblick.

Die Uneinigkeit ist keineswegs verwunderlich: Der Prophet ﷺ wurde in eine Kultur hineingeboren, die weder ein einheitliches Kalendersystem besaß noch historische Ereignisse nach festen Jahreszahlen datierte. Niemand konnte ahnen, dass dieses Kind vierzig Jahre später die Welt verändern würde. Erst nach seiner Berufung zum Prophetentum begannen die Gefährten (Ashāb) und spätere Generationen, die Berichte über sein Leben akribisch zu sammeln.

Worüber weitgehend Einigkeit herrscht

Trotz unterschiedlicher Überlieferungen (Riwāyāt) herrscht in drei wesentlichen Kernpunkten ein breiter Konsens unter den Gelehrten und Historikern:

  • Das Jahr: Er wurde im Jahr des Elefanten (ʿĀm al-Fīl) geboren, dem Jahr, in dem der jemenitische Herrscher Abraha die Kaaba anzugreifen versuchte. Dies entspricht nach dem Mondkalender dem Jahr 571 n. Chr.
  • Der Monat: Die überwältigende Mehrheit der Gelehrten und Historiker, wie unter anderem Ibn Kathīr in seinem Werk Al-Bidāya wa-n-Nihāya betont, vertritt die Ansicht, dass seine Geburt im Monat Rabīʿ al-Awwal stattfand.
  • Der Wochentag: Er wurde an einem Montag geboren.

Der Wochentag wird durch einen authentischen Hadith untermauert. Als der Prophet ﷺ nach dem Fasten am Montag gefragt wurde, antwortete er:

Der Gesandte Allahs ﷺ

„Das ist der Tag, an dem ich geboren wurde und an dem mir die Offenbarung herabgesandt wurde."
(Sahih Muslim, Hadith Nr. 1162)

Die Meinungsverschiedenheit betrifft somit im Wesentlichen den genauen Tag des Monats Rabīʿ al-Awwal.

Die chronologische Begründung des Geburtsjahres

Das Geburtsjahr lässt sich auch mathematisch über das Todesjahr und das Lebensalter des Propheten ﷺ nachweisen. In Sahih al-Bukhari (Hadith Nr. 3902) überliefert Ibn ʿAbbās:

Ibn ʿAbbās (radiyallahu anhu)

„Dem Gesandten Allahs ﷺ wurde im Alter von vierzig Jahren die Offenbarung zuteil. Er blieb dreizehn Jahre in Mekka, während ihm offenbart wurde. Dann wurde ihm die Auswanderung befohlen, und er lebte zehn Jahre als Ausgewanderter und starb im Alter von dreiundsechzig Jahren."
(Sahih al-Bukhari, Hadith Nr. 3902)

Da der Prophet ﷺ im Jahr 11 n. H. (632 n. Chr.) verstarb, ergibt die Rechnung über reine Mondjahre ein Alter von 63 Jahren. Rechnet man diese 63 Mondjahre (ein Mondjahr ist ca. 11 Tage kürzer als ein Sonnenjahr) in Sonnenjahre um, entspricht dies 61 Sonnenjahren. Zieht man diese 61 Sonnenjahre vom Todesjahr 632 n. Chr. ab (632 - 61 = 571), gelangt man historisch und rechnerisch exakt zum Geburtsjahr 571 n. Chr.

Die klassischen Überlieferungen im Überblick

In den Werken der Sīra und des Hadith werden verschiedene Tage genannt: der 2., 8., 9., 10. und 12. Rabīʿ al-Awwal sowie weitere, schwächer belegte Daten.

Der 12. Rabīʿ al-Awwal

Dieser Tag hat sich im Laufe der Jahrhunderte in der Allgemeinheit als das bekannteste Datum etabliert. Historisch beruht diese Ansicht vor allem auf einer Überlieferung von Ibn Ishāq. Gelehrte der Hadith-Wissenschaften weisen jedoch darauf hin, dass diese Überlieferung bei Ibn Ishāq ohne eine durchgehende Überlieferungskette (Isnād) angeführt wird.

Der 8. bzw. 9. Rabīʿ al-Awwal

Diese Ansicht wird von vielen Gelehrten der Hadith-Wissenschaften und Historikern bevorzugt. Der berühmte Gelehrte Ibn ʿAbd al-Barr (gest. 463 H) betonte in seinem Werk Al-Istīʿāb, dass die Geschichtsforscher genau dieses Datum als das historisch gesicherte ansahen (Al-Istīʿāb fī Maʿrifat al-Ashāb, Bd. 1, S. 23).

Die Analyse von Muhammad Zāhid al-Kawtharī

Der hanafitische Gelehrte Muhammad Zāhid al-Kawtharī (gest. 1371 H / 1952 n. Chr.) widmet dieser Fragestellung in seinen Maqālāt eine detaillierte Abhandlung (Maqālāt al-Kawtharī, Bd. 2, S. 531-534, Tahkik Yayınları, 2. Druck, Istanbul 2025). Er analysiert die Überlieferungen wie folgt:

Die sprachliche Nuance

Er zitiert den Hāfiz Ibn Dihya, der die Überlieferung über den 8. Rabīʿ al-Awwal präferiert. Al-Kawtharī erklärt, dass der Wortlaut „nach Ablauf von acht Nächten" sprachlich exakt den Anbruch des 9. Tages bezeichnet.

Schwächung anderer Daten

Den 10. Rabīʿ al-Awwal bewertet er aufgrund von Mängeln in der Überlieferungskette (unter anderem durch problematische Erzähler bei Ibn Saʿd) als schwach. Ebenso stuft er den 12. Rabīʿ al-Awwal mangels Isnād als historisch unzureichend belegt ein.

Die astronomische Bestätigung

Al-Kawtharī stützt sich maßgeblich auf die Forschungen des ägyptischen Astronomen Mahmūd Pasha al-Falakī (1815-1885). Al-Falakī nutzte ein astronomisch genau datierbares Ereignis als Anker: die Sonnenfinsternis beim Tod von Ibrāhīm, dem Sohn des Propheten ﷺ, im Jahr 10 n. H. Da dieses Naturereignis in authentischen Hadithen (u. a. bei al-Bukhari) belegt ist, konnte al-Falakī das Datum exakt auf den 27. Januar 632 n. Chr. (29. Shawwāl 10 n. H.) fixieren.

Dieser Anker dient als mathematischer Beweis dafür, dass der islamische Kalender auf einer reinen, lückenlosen Mondzählung basiert, ohne die im vorislamischen Arabien teils praktizierte Einschaltung von Schaltmonaten (Nasīʾ). Einige historische Ansätze vermuteten fälschlicherweise ein Luni-Solar-System, bei dem gelegentlich ein 13. Monat eingefügt wurde, um den Kalender an die Sonnen-Jahreszeiten anzupassen. Der Nachweis der Sonnenfinsternis belegt jedoch die reine Mondzählung. Erst dadurch wird es möglich, von diesem fixierten Punkt aus die Tage präzise über das Jahr der Hidschra (622 n. Chr.) bis ins Jahr 571 n. Chr. zurückzurechnen.

Das Ergebnis

Der 9. Rabīʿ al-Awwal entsprach exakt dem Montag, den 20. April 571 n. Chr.

Diese Erkenntnis ist nicht neu. Bereits der klassische Sīra-Gelehrte Al-Suhaylī (gest. 581 H) erwähnte im 12. Jahrhundert in seinem Werk Ar-Raud al-Unuf:

Al-Suhaylī (gest. 581 H)

„Die Mathematiker und Astronomen (Ahl al-Hisāb) halten fest, dass seine Geburt nach der Sonnenrechnung auf den 20. April fiel."
(Ar-Raud al-Unuf, Bd. 1, S. 282)

Auch moderne Sīra-Autoren wie Muhammad al-Khudarī (Nūr al-Yaqīn, S. 9) und Safīyur-Rahmān al-Mubārakfūrī (Ar-Rahīq al-Makhtūm, S. 41) schlossen sich dieser astronomisch gestützten Ansicht an.

Die astronomische Gegenprobe (Mondsichtung)

Ein interessanter Aspekt bei der Rekonstruktion historischer Daten ist die Korrelation zwischen Sichtbarkeitsberechnungen und Überlieferungen. Wendet man die Kriterien der Mondsichtung auf das Jahr 571 n. Chr. an, ergibt sich ein klarer Befund.

Die exakte astronomische Konjunktion (der Neumond) fand am Freitag, den 10. April 571 n. Chr. um 07:05:26 Uhr UT statt.

Sichtbarkeit der Mondsichel am 11. April 571

Sichtbarkeit der Mondsichel am 11. April 571

Sichtbarkeit der Mondsichel am 10. April 571

Sichtbarkeit der Mondsichel am 10. April 571

Szenario A: 9. Rabīʿ al-Awwal = Montag, 20. April 571 n. Chr.

Damit der 20. April der 9. Tag des Monats ist, muss der 1. Rabīʿ al-Awwal auf den 12. April 571 gefallen sein. Da die Konjunktion am Morgen des 10. April stattfand, verging genügend Zeit, sodass die neue Mondsichel am Abend des 11. April erstmals am Westhimmel gesichtet werden konnte.

Ergebnis: Dies steht in perfektem Einklang mit den astronomischen Sichtbarkeitskriterien.

Szenario B: 12. Rabīʿ al-Awwal = Montag, 20. April 571 n. Chr.

Wäre der 20. April bereits der 12. Tag des Monats gewesen, hätte der 1. Rabīʿ al-Awwal schon am 9. April beginnen müssen. Dafür hätte die Mondsichel am Abend des 8. April gesichtet werden müssen.

Der astronomische Widerspruch: Am Abend des 8. April 571 war der Neumond noch gar nicht entstanden, da die Konjunktion erst gut 35 Stunden später folgte. Der Mond befand sich zu diesem Zeitpunkt als hauchdünne, abnehmende Sichel am östlichen Morgenhimmel kurz vor Sonnenaufgang.

Den Arabern, die vertraut mit der Himmelsbeobachtung waren, war der fundamentale Unterschied zwischen dem alten Mond (der morgens im Osten verblasst) und der neuen Mondsichel (die abends im Westen auftaucht) bestens bekannt. Eine Verwechslung oder eine Sichtung der neuen Sichel am Abend des 8. April ist astronomisch und physikalisch absolut ausgeschlossen.

Fazit der Astronomie

Die Kombination aus dem Wochentag Montag und der physikalischen Mondsichtbarkeit schließt den 12. Rabīʿ al-Awwal für das Jahr 571 n. Chr. rechnerisch aus und bestätigt den 9. Rabīʿ al-Awwal (20. April 571 n. Chr.).

Eine wichtige Anmerkung zur Tradition

Ungeachtet dieser wissenschaftlichen Evidenz sollte betont werden, dass der 12. Rabīʿ al-Awwal über Jahrhunderte hinweg von breiten Teilen der Ummah traditionell gepflegt wurde. An diesem Tag erinnern sich Muslime weltweit an das Leben des Propheten ﷺ, sprechen Salawāt und beschäftigen sich mit seiner Sīra.

Diese Praxis verdient Respekt. Das genaue Geburtsdatum gehört nicht zu den gottesdienstlichen Pflichten (ʿIbādāt), von denen islamische Rechtsurteile (Ahkām) oder Zeiten für das Fasten und das Gebet abhängen. Anders als beim Beginn des Monats Ramadan besteht hier keine unmittelbare rechtliche Notwendigkeit, eine über Generationen gewachsene Gedenktradition gewaltsam zu verändern.

Fazit

Das Ziel dieser Abhandlung ist es keineswegs, gewachsene Traditionen herabzusetzen. Vielmehr zeigt diese Untersuchung, wie harmonisch sich authentische Hadithe, klassische Sīra-Quellen und moderne Astronomie ergänzen.

Gleichwohl bleibt festzuhalten: Während das Jahr, der Monat und der Wochentag (Montag) durch authentische Hadithe belegt sind, gibt es für den genauen Tag des Monats keinen expliziten, authentischen Hadith. Die Bestimmung des 9. Rabīʿ al-Awwal (20. April 571 n. Chr.) stützt sich somit auf eine Kombination aus historischer Quellenanalyse, sprachlicher Rekonstruktion und astronomischen Berechnungen. Sie stellt eine sehr starke Indizienkette und wissenschaftliche Rekonstruktion dar, aber keinen direkt überlieferten Hadith-Wortlaut.

Und Allah weiß es am besten.
(Wa-Allāhu aʿlam)

Alles Lob gebührt Allah, dem Herrn der Welten, und möge Allah unseren Propheten Muhammad ﷺ, seine Familie und seine Gefährten in Ehren halten und ihnen Frieden schenken.
(Wa ākhiru daʿwānā an al-ḥamdu lillāhi Rabbi l-ʿālamīn)